"Ich muss noch viel lernen"

La Manga - Im Trainingslager des HSV mischt derzeit ein Neuer mit. Sein Name ist Änis Ben-Hatira, 17 Jahre jung und eigentlich noch gar nicht richtig beim HSV. Doch wer ist der Youngster, der dank der Erlaubnis seines Noch-Clubs TeBe Berlin und einer Sonderspiel- genehmigung mit ins spanische La Manga reisen durfte? Zumindest diejenigen, die beim HSV-Hallencup in der Color Line Arena (08.01.06.) zu Gast waren, werden schon etwas über den deutschen Junioren-Nationalspieler wissen. Nämlich, dass er richtig gut Fußball spielen kann. Nicht umsonst wurde Ben-Hatira zum besten Spieler des Turniers gewählt und heimste nebenbei auch noch den Pokal für den besten Torschützen ein. Ein wahrlich famoser Start in seine HSV-Zeit, die offiziell erst am 01. Juli beginnt.

Trotzdem soll schon jetzt der nächste Schritt folgen. Änis mischt in La Manga im Konzert der Großen mit. "Er soll dabei sein und Profi-Luft schnuppern", sagt Thomas Doll, der den Hallen-Auftritt von Ben-Hatira mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen hat, die Erwartungen aber im selben Atemzug zurückschraubt: "Änis ist 17 Jahre alt, das dürfen wir nicht vergessen. Wir erwarten keine Wunderdinge von ihm, er soll einfach Gas geben und Spaß haben. Der Rest kommt dann von ganz allein." Gas geben und Spaß haben - zwei Dinge, die der Single ("Der Ball ist meine Freundin") unausweichlich mit Fußball verbindet. Das war jedoch nicht immer so. Mit vier Jahren zog er erstmals Fußballschuhe an und begann beim Berliner Club BSC Reinickendorf zu kicken. Wenig später wechselte er zu den Reinickendorfer Füchsen, ehe ihn in der D-Jugend der damalige Hertha-Scout und jetzige Trainer Falko Götz entdeckte. Von da an war der in Berlin geborene Sohn tunesischer Eltern mit vollem Herzen Herthaner.

TeBe Berlin als Rettung

 

Sogar als Balljunge war er bei den Spielen seiner großen Idole tätig. Hauptsache dabei sein. Doch mit der Hertha-Herrlichkeit war es bald vorbei. In der B-Jugend wurde ihm mitgeteilt, dass nicht weiter mit ihm geplant wird. "Das war der traurigste Tag in meinem Leben. Hertha war mein Verein und dort wollte man mich nicht mehr. Das war hart", sagt er rückblickend. Dennoch, er sei selbst Schuld gewesen, da er sich als Nachwuchshoffnung zu oft auf seinen Lorbeeren ausgeruht habe. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Doch da die Trennung von Hertha BSC nicht reibungslos verlief, wurde der technisch beschlagene Mittelfeldspieler für sechs Monate gesperrt.

"Ich war so fertig, dass ich ein, zwei Jahre Pause machen wollte." Dieses Vorhaben setzte Änis glücklicherweise nicht in die Tat um, sondern schloss sich TeBe Berlin an. "Dort habe ich wieder den Spaß am Fußball gefunden. Und ich habe kapiert, dass Talent allein nicht ausreicht. Ich habe verstanden, dass ich mehr als alle anderen tun muss, wenn ich ganz nach oben kommen will. Und das war schließlich immer mein Ziel." Der Junge mit der eingebauten Torgefahr schoss TeBe fast im Alleingang in die A-Junioren-Bundesliga - und sich selbst in die DFB-Auswahl. Dieser Schritt in den erlauchten Kreis seines Jahrgangs rief die großen Vereine auf den Plan. Hermann Gerland, Bayerns Amateurtrainer, meldete sich als erstes. "Ich bin ans Telefon gegangen und habe gar nicht verstanden, wer dort am anderen Ende der Leitung ist. Ich habe erst gefragt: ´Wer bist du?` Und dann habe ich einfach aufgelegt." Doch Gerland blieb hartnäckig, klärte das Missverständnis auf und lud das Objekt der Begierde zum Probetraining ein.

Boulahrouz als Beistand

 

Dies taten auch einige andere Bundesligisten, darunter auch der HSV. "Dass ich anschließend in Hamburg zugesagt habe, war eine Bauchentscheidung", begründet er seinen Schritt, "ich hatte nach den Trainingseinheiten und den Gesprächen mit Herrn Beiersdorfer und Thomas Doll einfach das Gefühl: ´Hier bist du richtig.` Scheint, als hätte ich eine sehr gute Wahl getroffen." In La Manga teilt sich der Youngster ein Appartement mit Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz. "Beide sehr nett", findet Änis, der aber zugibt, im Umgang mit den Profis immer noch ein wenig nervös zu sein. "Aber das wird von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde weniger", beteuert er.

Gerade Boulahrouz steht ihm viel beiseite. Boulahrouz´ Eltern stammen aus Marokko, die Hatiras ursprünglich aus Tunesien. "Beide Länder waren früher französische Kolonien", erklärt Änis. Wegen der identischen Muttersprache hätten beide schnell einen guten Draht zueinander gefunden.