Änis Ben-Hatira. Profi mit Herz. „Ich kicke für meine Familie“

„Es gibt eine gebende, eine nehmende und eine zurückhaltende Hand. Ich bevorzuge die gebende. Sie ist die beste“.

Trotz der Unterschrift unter seinen ersten Profi-Vertrag (bis 2012) denkt HSV-Youngster Änis Ben-Hatira (18) sofort an seine Familie, die in Berlin-Wedding lebt. Für Papa Baccar, Mama Halima sowie die Brüder Ahmed (29), Aymen (26), Aslam (10) und Zwillingsschwester Ines schlägt Änis’ Herz.

Ungewöhnlich für die heutige Jugend, die sich oft so schnell wie möglich vom Elternhaus abnabeln möchte. So aber ist der technisch starke Mittelfeldmann, der in der gerade beendeten Saison seinen ersten fünf Punktspiele machte, nicht gepolt.Der Deutsch-Tunesier: „Familie bedeutet alles in meinem Leben. Sie hat mich immer unterstützt. Auch als wir zeitweise nicht viel besaßen“.

Deshalb hat und wird Änis immer seine Angehörigen finanziell unterstützen. Ben-Hatira: „Als ich früher mal 50 Euro beim Fußball bekam, behielt ich fünf und gab den Rest meiner Mama“. Und: „Da ich jetzt mehr verdiene , werde ich natürlich monatlich eine große Summe überweisen“.

Heute reist der Newcomer im HSV-Team nach Berlin. Dann fliegt er mit seiner Familie für eine Woche in die Heimat, auf die Ferieninsel Djerba. Änis: „Ich freue mich auf meine vielen Verwandten“. Rund 300 „Ben-Hatiras“ erwarten ihren ganz persönlichen Fußball-Star.

Lange kann sich der Hamburger am tunesischen Strand aber nicht ausruhen. Ab dem 16. Juni versucht Änis mit der deutschen U19-Truppe in Österreich Europameister zu werden. Der HSV-Profi: „Damit meine Familie noch stolzer auf mich sein kann“.

 

Auch wenn Änis in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, liebt er das Heimatland seiner Eltern. "Mindestens einmal im Jahr fliegen wir nach Tunesien", sagt er. Heimisch fühle er sich allerdings in Deutschland. "Obwohl ich manchmal irgendwie heimatlos bin", wie er es nennt. "In Tunesien heiße ich für alle ´der Deutsche`. Und in Berlin werde ich auch ständig als Ausländer angesehen. Dunkle Haare, dunkle Haut - das reicht schon. Da muss man manchmal wirklich ein dickes Fell haben, gerade in Ostberlin." Anfang der achziger Jahre siedelten seine Eltern aus Tunesien nach West-Berlin über, damals stand die Mauer noch. Sein Vater, ein Gastronom, arbeitete, um seine Frau, Änis, dessen Zwillingsschwester sowie drei weitere Brüder zu versorgen. "Meine Familie ist klasse", berichtet das zweitjüngste der fünf Kinder, "bei uns zu Hause ist immer was los, immer ist jemand da."

 

Alleine fühle er sich nicht wohl, gibt er zu. Doch zum Glück wurde der "Benjamin" des Spanien-Trips(Wintertrainingslager) von seinen neuen Kollegen herzlich aufgenommen. "Das war schon ein tolles Gefühl. Ich denke, ich gehöre wirklich dazu." Abends, wenn er in seinem Zimmer liegt, blättert er vorm Einschlafen noch einen Moment in der Biographie von Diego Armando Maradona. "Mein großes Vorbild", sagt Änis. "Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich das Buch lese oder Videos mit alten Spielen von Maradona ansehe." So war es von klein auf. Kein Wunder also, dass es den kleinen Änis ständig nach draußen auf die Straße zog.

"In unserer Nachbarschaft gab es überall kleine Fußballkäfige. Ständig, jeden Tag, haben wir dort drei gegen drei oder vier gegen vier gespielt." Diese Schule erkennt man auch heute noch. Trickreich, wendig und schnell ist Änis Ben-Hatira, der über sich selbst sagt, er sei ein echter Straßenfußballer. Dass es davon in Deutschland nur noch ganz wenige gibt, weiß auch Thomas Doll. "Wir werden den Jungen ganz in Ruhe wachsen lassen", versichert er, schränkt aber ein: "Ich hätte jedoch auch überhaupt gar kein Problem damit, einen 17-Jährigen einfach mal reinzuwerfen." Der Gelobte freut sich über solche Aussagen, schätzt die Lage aber realistisch ein: "Ich bin mit den Profis im Trainingslager, das ist super. Erreicht habe ich deswegen allerdings noch gar nichts. Ich weiß, dass ich noch viel lernen, hart arbeiten und Geduld haben muss. Dann kann sich vielleicht mein Traum, vor 60.000 begeisterten Zuschauern zu spielen, irgendwann einmal erfüllen." Die 11.000 vom HSV-Hallencup weiß Änis Ben-Hatira nach seinem famosen Auftritt jedenfalls schon mal hinter sich.

 

Diese fünf Jung-Stars schafften es aus Berlin-Wedding hoch in die Bundesliga

Auf seinen Nacken hat Ashkan Dejagah (20) den Satz »Never forget where you from« stechen lassen. Vergiss nie, woher du kommst, heißt das. Auf dem rechten Arm des Sohnes iranischer Eltern steht »Teheran«, sein Geburtsort, auf dem linken »Berlin«. Die Stadt, die er als Heimat empfindet. Neun Tätowierungen hat der Stürmer insgesamt.
Der Hertha-Profi will nie vergessen, woher er kommt.
Aus dem Armenteil der Republik: Berlin-Wedding.
Dort wuchs Dejagah mit den Boateng-Brüdern Jerome und Kevin, die beide auch bei Hertha spielen, mit Änis Ben-Hatira (HSV) und Zafer Yelen (Hansa Rostock) auf. AußerYelen,der türkischer U-21Nationalspieler ist, haben alle deutsche Pässe. Dejagah ist der Einzige, der nicht in Berlin geboren wurde.
Poelchau, eine Sport-Gesamtschule, die gerade die Schul-WM im Fußball gewonnen hat.
In diesem Kultur- und Sprachengewirr (s. Kasten rechts), zwischen
Hochhäusern und Dönerläden, wo Aggressionen an der Tagesordnung sind, kämpften sie sich hoch.
Schlägereien, Armut und Elend bestimmten ihr Leben im Ghetto.

Stolz, dass verlieren gar nicht geht«, sagt Ben-Hatira.
Im Alter von zehn Jahren spielten Kevin, Ashkan und Änis bei den Reinickendorfer Füchsen, sie besuchten später mit Zafer und Jerome (18) die Poelchau-Sportschule. Der Tagesablauf dort: zwei Stunden Unterricht, zwei Stunden Sport, zwei Stunden Unterricht.
2003 gewannen Jerome, Kevin und Änis das Bundesfinale »Jugend trainiert für Olympia« mit Jerome im Tor! Heute ist er Verteidiger. »Viele unserer damaligen Freunde sind mit Drogen und Alkohol in Kontakt gekommen«, sagt Ben-Hatira (18), Sohn tunesischer Eltern. »Ich kann Lieder darüber singen, wie sich Jugendliche geschlagen haben, sich mit Messern attackiert und zerfetzt haben.«
Yelen (türkische Eltern), die Halbbrüder Boateng (Vater aus Ghana, deutsche Mütter), Ben-Hatira und
Dejagah - dieser Multi-Kulti steht  für die neueBundesliga-Generation.
»Wir sind stolz darauf, halb-halb zu sein«,sagt Jerome Boateng. Kevin ergänzt: »Durch die vielen verschiedenen Kulturen kann ich ein bisschen Arabisch, Türkisch, Französisch. Wir sind nach den Regeln der Straße aufgewachsen.« Heißt: Die fünf sind nur als Gruppe aufgetreten. »Alleine wirst du sofort abgezogen«, sagt Kevin (20).Abgezogen bedeutet: verprügelt, ausgeraubt.
Auf der Straße siegt eben derStärkere. Und das ist derjenige, der nicht wegrennt. Diese Mentalität zahlt sich jetzt auf dem Fußballplatz aus. »Wir haben schnell den Siegeswillen gelernt«, sagt Zafer Yelen (20).
»Durch unsere Vergangenheit haben wir eine stärkere Motivation als andere. Wir haben so großen
Schulleiter Rüdiger Barney (58) erinnert sich: »Die Jungs hatten nur Fußball im Kopf. Ihre schulischen Leistungen waren begrenzt. Kevin Boateng ist intelligent, hatte aber
Flausen im Kopf.«
Immerhin: Fußball hielt die
Riesen-Talente von Alkohol und Drogen fern. Das ist nicht selbstverständlich in diesem Umfeld.
»Mein Vater hatte einen Dönerladen, meine Mutter hat geputzt. Wenn meinPapa mal beim Fußball zugeschaut hat, war das wie ein Geburtstag für mich. Sie hatten kaum Zeit«, sagt Ben-Hatira.
Zum Sport wurde keiner der jungen Männer gefahren. Als Kinder stiegen sie alleine in die U- und S-Bahnen zum Training.
Die Eltern hatten anderes zu tun: die Großfamilie zu ernähren. So sind Jerome und Kevin Halbbrüder, Kevin hat noch einen Bruder und drei Halbschwestern, Jerome zwei Halbbrüder und eine Schwester. Zafer hat sogar sechs Geschwister. Änis vier. Einzig Ashkan Dejagah hat nur einen Bruder.
»Unsere Eltern konnten kaum Deutsch. Wie sollten sie uns helfen?«, sagt Dejagah, »Wir als Freunde haben uns geholfen« Bis heute
halten sie fest zusammen. Alle fünf verdienen im Jahr sechsstellige Summen. Geld, das in Kleidung oder Autos investiert wird.
»Ich habe einen Traum: Ich will meinen Eltern ein Haus kaufen. Sie sollen nie wieder arbeiten« sagt  Ben-Hatira.  Mit 16 Jahren ist der Junioren-Nationalspieler (U 19) aus dem Hertha-Internat über den Umweg TeBe zum HSV gekommen.
Auch Dejagah verlässt Berlin - er geht zum VfL Wolfsburg.
Trotzdem: »Wir werden uns gegenseitig nie vergessen, Wir machen bei uns keine Unterschiede zu unseren leiblichen Geschwistern« sagt Kevin Boateng.
Um das zu verdeutlichen, erzählt Ben-Hatira Folgendes: Er war Tunesien, als Kumpel Ashkan erstmals für Hertha BSC im Olympiastadion einlief.
»Als ich das sah, habe ich vor Freude fast geheult«